Es
war Samstag um 9.55 Uhr. Der Melder piepte, die Schwarzenbeker
Feuerwehrmänner eilten zum Gerätehaus. Sie setzten
mal wieder ihr eigenes Leben auf's Spiel, um das anderer zu
retten. Diesmal hatten sie keine Chance: Ein gehbehinderter
70-Jähriger verbrannte hilflos in seinem Bett. Er war schon
tot, als die Retter zum Einsatz gerufen wurden. Zu spät
wurde das Feuer bemerkt.
Eine Situation, die selbst erfahrene Retter belastet, die schon
öfter Unfallopfer bergen mussten. Brandtote sind selten.
Die Feuerwehrmänner Mike (23) und Patrick (27, Namen geändert)
wurden nach ihrem Einsatz in der Gluthitze vom Einsatzleiter
zur Seite genommen, aus der Arbeit rausgelöst. Das Angebot
einer Betreuung durch die Mitglieder der Fachgruppe Vorsorge/Nachsorge
des Kreis-Feuerwehr-Verbandes nahmen sie gerne an. Noch während
der Einsatz lief. Dennoch blieben Albträume nicht aus.
Mike sah sich auch tagsüber mehrfach mit den Bildern des
Brandhauses konfrontiert.
Hinrich Jansen-Dittmer, der Leiter der Fachgruppe zur psycho-sozialen
Betreuung von Einsatzkräften, organisierte mit seinem Kollegen
Jörg-Peter Friedrichsen aus Gülzow eine Nachsorge.
In einer ersten Gesprächsrunde berichteten Mike und Patrick
von ihrem Einsatz. Mike las Zeitung, Patrick frühstückte,
als ihre Melder sie riefen. Rein in den Schutzanzug, die 25
Kilo schwere Atemschutzausrüstung auf und ab ins brennende
Haus. "Wir wussten, da sollte noch jemand drin sein",
berichtet Patrick. Über eine Treppe ins Dachgeschoss. Mike:
"Da war im Flur nur knapp über dem Boden ein kleines
Stück frei vom Rauch." Im Bad ist niemand, im ersten
Zimmer auch nicht. Weiter in die Küche. Sie ist leer, ein
angrenzendes Zimmer ebenso. Hier ist alles schwarz und giftig
verqualmt, die Sicht Null. Dank der Wärmebildkamera erkennt
Patrick schnell eine heiße Wand der Küche, merkt,
dass es dahinter noch weitergehen muss. Also tastend weiter,
zwei Mal um die Ecke. Patrick entdeckt etwas in einem roten
Pullover. Ein Teddy allerdings, so groß wie ein Kind.
Die kurze Hoffnung ist dahin. "Das war eine gemeine Falle",
erinnert er sich. Nach eineinhalb Wochen geht er zum zweiten
Mal den Weg im Haus. Zum Überwinden der Traumagrenze.

Damals
war es extrem heiß. Den Brandgewöhnungscontainer
in der Kreis-Feuerwehr-Zentrale, den beide schon erlebt hatten,
nennen sie trotz seiner 400 Grad Hitze im Vergleich zu diesem
realen Einsatz einen Kühlschrank. "Ich habe noch nie
so einen heißen Ort erlebt", berichtet Mike. Der
23-Jährige spritzt Löschschaum auf den heißen
Boden, doch der verdampft dort sofort, der Schutz ist dahin.
Patrick verbrennt sich die Knie, so heiß ist der Boden.
Von außen trifft die Retter eine Ladung Löschmittel.
Wie unterschiedlich die Empfingen dadurch waren, zeigen die
Erinnerungen. Mike: "Ich habe mich plötzlich sehr
erschrocken, es krachte in dem Augenblick auch laut, als Teile
von der Decke stürzten." Patrick war erleichtert.
"Ich wusste, wir haben Unterstützung von außen",
erklärt er. Alles vor ihnen steht in Flammen.
"Für
fünf oder sechs Sekunden habe ich dann kurz mit dem Strahlrohr
in das lichterloh brennende Zimmer gehalten. Die großen
Flammen waren dadurch schlagartig aus", sagt der 27-Jährige.
Die Männer entdeckten die verkohlte Leiche, meldeten ihre
Feststellung dem Einsatzleiter.
Sie hatten alles riskiert und doch keine Chance. "Was ihr
geleistet habt, war für diesen Einsatz das Optimum",
bestätigt ihnen Hinrich Jansen-Dittmer, als er sie nochmals
ins Haus begleitet. Mike und Patrick tragen ihre Atemmasken,
um sich in die Situation zurückzudenken. "Denkt laut
nach, sagt, was ihr damals erlebt habt", fordert sie Jansen-Dittmer
auf. "Die Stärke einer Feuerwehr zeigt sich auch im
Gefühl füreinander. Wer sich kennt, der merkt, wenn
etwas nicht mehr mit seinem Angriffspartner stimmt. Darauf muss
man reagieren", erklärt der 54-jährige Breitenfelder.
Leider sei es noch immer weit verbreitet, durch Alkohol eine
"nasse Stressbewältigung" zu leisten. "Dabei
spielt eine Rolle, dass psycho-soziale Probleme von einigen
Kameraden noch immer als mangelnde Coolness angesehen werden",
weiß der Arbeitswissenschaftler. Mit Krankenkassen und
Berufsgenossenschaften gebe es auch Probleme. "Die verhalten
sich oft noch nach dem Grundsatz, Verletzungen müssen sichtbar
sein. Aber seelische Probleme sieht man nicht. Und dann ist
da dank der Gesundheitsreform die überall herrschende Frage,
wer was bezahlt", sagt Jansen-Dittmer. Die Seelsorger arbeiten
zurzeit ausschließlich ehrenamtlich.
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Wer
aus seinem seelischen Tief keinen Ausweg findet, leide dauerhaft
unter den Eindrücken, weiß der 54-Jährige. "Psychotraumatisches
Belastungssyndrom" heißt das. Albträume, Schlaflosigkeit,
Beziehungsschwierigkeiten, Ermüdung und äußere
Stille können die Folge sein. Mike und Patrick sind über
die belastenden Eindrücke mittlerweile hinweg. "Diese
Gespräche im kleinen Rahmen haben mir sehr geholfen. In
einer größeren Gruppe hätte ich mich nicht so
offen mit den anderen austauschen können", meint Mike.
Die Verantwortlichen der Schwarzenbeker Feuerwehr werden ihre
Retter weiterhin betreuen, sie langsam wieder an Einsätze
in erster Reihe gewöhnen.
Nach den Brandanschlägen auf die von Ausländern bewohnten
Häuser in Mölln Anfang der 90er Jahre hatte sich Hinrich
Jansen-Dittmer erstmals Gedanken über eine organisierte
Betreuung von Einsatzkräften gemacht. Heute gehören
dem vor fünf Jahren gegründeten Team 14 Mitglieder
an. "Uns ist wichtig, dass alle, die helfen, die feuerwehrtechnische
Ausbildung und Einsatzerfahrung haben. Sie müssen sich
in die Lage der Kameraden versetzen können, wissen, was
die durchgemacht haben. Nur so kann man verstehen und helfen",
erklärt Hinrich Jansen-Dittmer. 2004 leistete das Team
15 Einsatz-Nachsorgen. Sieben Mal halfen die Kameraden direkt
an der Einsatzstelle.